Auslöser der Debatte sind Fortschritte bei sogenannten Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADCs), neuen Immuntherapien und bispezifischen Antikörpern. Besonders am diesjährigen Krebskongress ASCO von Ende Mai sorgten entsprechende Studiendaten für Aufmerksamkeit. Die Hoffnung der Branche: Krebs künftig gezielter behandeln und Patienten die Belastungen klassischer Chemotherapien zumindest teilweise ersparen.
Onkologen und Pharmaunternehmen erwarten, dass klassische Chemotherapien in vielen Krebsarten an Bedeutung verlieren könnten. Ganz verschwinden werden sie nach Einschätzung von Experten wie Stefan Frings, Deputy Chief Medical Officer bei Roche, aber nicht. „Krebs entwickelt häufig Resistenzen, viele Tumorarten sprechen unterschiedlich auf Therapien an, und nicht für jede Erkrankung existieren geeignete Angriffspunkte für moderne Wirkstoffe“, sagte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP.
Gezielte Angriffskörper
Wahrscheinlicher erscheint deshalb ein anderes Szenario: „Chemotherapien rücken zunehmend in spätere Behandlungslinien, während gezieltere Therapien früher eingesetzt werden“, prognostiziert Portfoliomanager Terence McManus von Bellevue Asset Management. Im Zentrum dieser Entwicklung stehen ADCs. Die Technologie verbindet einen Antikörper mit einem hochwirksamen Zellgift. Der Antikörper soll den Wirkstoff gezielt zum Tumor transportieren und gesundes Gewebe möglichst schonen.
Das Prinzip ist nicht neu. Roche brachte bereits vor mehr als einem Jahrzeht mit dem Brustkrebsmittel Kadcyla einen der ersten Vertreter dieser Wirkstoffklasse auf den Markt. Lange blieb der echte Durchbruch mit diesen Wirkstoffen jedoch aus.
Erst neuere Generationen von ADCs haben das Interesse der Branche wieder entfacht. Als wichtiger Meilenstein gilt insbesondere das Brustkrebsmedikament Enhertu von Astrazeneca und Daiichi Sankyo, das die Leistungsfähigkeit der Technologie eindrücklich demonstrierte.
Alle Grossen sind an Bord
Inzwischen arbeiten praktisch alle grossen Onkologieunternehmen an ADC-Programmen. Roche hat mehrere Kandidaten in Entwicklung, der US-Konkurrent Pfizer stieg über die Übernahme von Seattle Genetics in das Feld ein, während Merck & Co. ebenfalls aus den USA auch grosse Hoffnungen in die Technologie setzt.
Dabei geht es nicht nur um neue Medikamente, sondern um einen möglichen Paradigmenwechsel. „Auch wenn ADCs häufig als Alternative zur Chemotherapie beschrieben werden, enthalten sie letztlich selbst hochwirksame Zellgifte“, sagt Frings von Roche. „Der Unterschied besteht darin, dass diese gezielter zum Tumor gebracht werden, was das gesunde Gewebe schont.“
Wie McManus sagt, liegt der Fokus vieler Entwickler inzwischen auf Kombinationstherapien. „Bei fortgeschrittenem Lungenkrebs etwa besteht der heutige Standard häufig aus einer Immuntherapie kombiniert mit Chemotherapie. Künftig könnten solche Kombinationen zunehmend durch ADCs ersetzt werden“, zeigt sich der Experte überzeugt.
Besonders viel Aufmerksamkeit erhält derzeit ein Ansatz, der ADCs mit sogenannten VEGF/PD-1-Bispezifika kombiniert. Dabei werden zwei etablierte Wirkmechanismen in einem einzigen Molekül vereint: Einer aktiviert das Immunsystem gegen Krebszellen, der andere greift die Blutversorgung des Tumors an.
Gezielte Therapien
Mehrere Unternehmen untersuchen bereits Kombinationen aus solchen bispezifischen Antikörpern und ADCs. Branchenbeobachter sehen darin eine mögliche nächste Generation der Krebsbehandlung. Die Vision lautet: Immuntherapie plus gezielte Chemotherapie statt Immuntherapie plus klassische Chemotherapie.
Auf dem ASCO-Kongress stand vor allem das US-Biotechunternehmen Summit Therapeutics im Fokus. Die Firma arbeitet gemeinsam mit dem chinesischen Partner Akeso an einem VEGF/PD-1-Bispezifikum, das auf dem ASCO-Kongress zu den meistdiskutierten Programmen gehörte, wie McManus erzählt. „Die Daten nährten die Hoffnung, dass solche Ansätze bestehende Standards in Teilen des Lungenkrebsmarktes herausfordern könnten.“ Lungenkrebs gilt als grösster Onkologiemarkt weltweit.
Etwas zurückhaltender äussert sich der zweite Schweizer Pharmariese Novartis zu dem Thema: „Wir verfolgen zwar die Entwicklungen im PD-1/VEGF-Bereich aufmerksam, würden uns dort jedoch nicht mit einer ‚Me-too‘-Strategie engagieren“ heisst es auf Anfrage von AWP. „Jede Investition in diesem Bereich würde auf einer klaren Differenzierung beruhen – sei es durch verbesserte Wirksamkeit, Verträglichkeit, Patientenauswahl oder das Potenzial für sinnvolle Kombinationen, die das Fachgebiet über die derzeitigen Programme im klinischen Stadium hinaus massgeblich voranbringen.“
Grundsätzlich seien aber Kombinationstherapien ein zentraler Bestandteil der Onkologie-Strategie von Novartis. „Über alle Therapieformen hinweg – einschliesslich RLTs, niedermolekularer Wirkstoffe, Zell- und Gentherapien sowie fortschrittlicher Biotherapeutika wie ADCs oder bi-/trispezifischer Antikörper – konzentrieren wir uns auf Kombinationen, die eine überproportional höhere Wirksamkeit erzielen können, ohne die Toxizität nennenswert zu erhöhen.“
Neue Ansätze – andere Nebenwirkungen
Trotz aller Euphorie bleibt aber Vorsicht angebracht. Nicht jede vielversprechende Technologie schafft den Sprung in die klinische Praxis. „Zudem sind die neuen Ansätze keineswegs frei von Nebenwirkungen. ADCs können unter anderem Lungen- oder Augenprobleme verursachen, und viele der derzeit diskutierten Kombinationen befinden sich noch in vergleichsweise frühen Entwicklungsstadien“, schränkt etwa der Roche-Experte Frings ein.
Die klassische Chemotherapie dürfte also nicht verschwinden. Ihr jahrzehntelanger Sonderstatus als zentrale Säule der Krebsbehandlung wird jedoch zunehmend in Frage gestellt.