
Männer leiden nicht seltener an Depressionen als Frauen, doch sie suchen deutlich seltener Hilfe. Traditionelle Rollenbilder und maskierende Symptome spielen dabei eine zentrale Rolle. Warum das gefährlich ist und wie sich das Schweigen brechen lässt.
Ein Mann muss stark sein, seine Gefühle unterdrücken und mit seinen Problemen allein fertigwerden. So lauten noch immer die ungeschriebenen Regeln des Männlichkeitsstereotyps. Harmlos sind sie nicht. Sie machen die seelische Gesundheit von Männern zu einem Tabuthema. «Das Erleben einer Depression wird oft als unmännlich und schwach angesehen. Das hält viele Männer davon ab, sich bei psychischen Problemen Hilfe zu holen», sagt Andreas Walther, Professor an der Universität Graz und spezialisiert auf Männerpsychologie.
Männer leiden doppelt so häufig an Suchtstörungen und begehen etwa dreimal häufiger Suizid als Frauen.
Tatsächlich sind deutlich weniger Männer als Frauen in psychologischer Behandlung – obwohl Forschende davon ausgehen, dass beide Geschlechter etwa gleich häufig von psychischen Erkrankungen betroffen sind. Darauf weisen auch indirekte Indikatoren hin. Männer leiden beispielsweise doppelt so häufig an Suchtstörungen und begehen etwa dreimal häufiger Suizid als Frauen. Die geringere Behandlungsrate spiegelt also nicht geringeres Leiden wider, sondern eher eine höhere Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen.
Ein Grund dafür, dass Depressionen bei Männern oft übersehen werden, ist, dass sie sich häufig anders zeigen als die typischen Symptome, die in Lehrbüchern beschrieben werden. Statt ausgeprägter Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit oder Schlafstörungen dominieren – gerade in frühen Phasen – Wut, Reizbarkeit, vermehrter Alkohol- oder Drogenkonsum sowie erhöhtes Risikoverhalten. Fachleute sprechen von einer «maskierten Depression», was bedeutet, die Symptome überdecken die zugrunde liegende Erkrankung und erschweren die Diagnose.
Doch es bewegt sich etwas. «In den vergangenen Jahren ist die Sensibilisierung deutlich gestiegen», sagt Andreas Walther. Instrumente wie die «Male Depression Risk Scale», die spezifische männliche Ausdrucksformen einer Depression erfassen, erleichtern eine differenzierte Diagnostik und tragen dazu bei, bestehende Lücken zu schliessen.
Dabei erfordert nicht jede seelische Belastung sofort eine Psychotherapie oder Medikamente. Nie-derschwellige und erste Anlaufstellen sind zum Beispiel Apotheken. Die meisten bieten diskrete Beratungsgespräche mit Fachpersonen an, wodurch Warnsignale erkannt und bei Bedarf weiterverwiesen werden kann. Auch spezialisierte Angebote im Bereich Männergesundheit entstehen zunehmend; so hat der Verein «männer.ch» im letzten Frühling eine eigene Fachstelle für Männergesundheit aufgebaut.
Entscheidend ist neben professionellen Beratungsstellen insbesondere auch das soziale Umfeld. «Mit einem schlichten: ‹Mir fällt auf, du bist seit Wochen nicht mehr der Gleiche. Wie geht es dir?› ist bereits viel gewonnen», sagt Andreas Walther. Allein das Signal, da zu sein und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, könne entlastend wirken. Der Psychologe rät denn auch, besser einmal mehr nachzufragen. «Denn mit dem Bauchgefühl, dass es dem Gegenüber nicht gut geht, liegt man meistens richtig», sagt er.
Schon Paracelsus empfahl Johanniskraut gegen «Geister und tolle Fantasien, die den Menschen in Verzweiflung bringen». Heute weiss man, dass die Pflanze mit den gelben Blüten bei leichten bis mittelschweren Depressionen ähnlich gut wirken kann wie klassische Antidepressiva. Auch standardisierte Lavendelölpräparate gelten als pflanzliche Option bei innerer Unruhe und Angstzuständen. Weniger eindeutig ist die Datenlage bei Baldrian. Aufgrund der guten Verträglichkeit empfehlen Fachleute dennoch einen Therapieversuch bei leichten Schlafstörungen. Wichtig ist in jedem Fall eine fachliche Beratung in der Apotheke, weil die Präparate mit anderen Medikamenten wechselwirken können.
Autor: Stephanie Schnydrig