
Wer über Heilpflanzen spricht, denkt meist an Kamillentee oder Arnikasalbe. Doch abseits dieser Klassiker wächst eine Welt seltener Pflanzen, die erstaunliche Kräfte birgt. Entdecken Sie vier unbekannte Helferinnen.
Eine Schönheit ist sie nicht. Es ist der Wurzelstock, der getrocknet nach Rosen duftet und dem Rosenwurz seinen Namen gibt. Die Heilpflanze trotzt dem rauen Klima arktischer Gebiete der nördlichen Hemisphäre. Diese Stärke nutzt der Mensch. Denn Rosenwurz soll die Widerstandskraft stärken und helfen, Stress vorzubeugen. Inhaltstoffe wie Salidrosid und Rosavinen wirken auf Stresshormone, Botenstoffe im Gehirn und beeinflussen das Nerven- und Herz-Kreislauf-System. Der Effekt: bessere Stimmung, mehr Leistung, wacherer Geist. Studien zeigen die Wirkung bei Depressionen, Ängsten, stressbedingten Beschwerden und Erschöpfung. In Tibet seit Jahrhunderten genutzt, nahmen auch russische Kosmonauten sie ins All mit – heute sind Rosenwurzextrakte in Form von Kapseln und Dragees in Apotheken erhältlich.
Die Jungfrau Maria stillte ihr Kind, Milchtropfen fielen auf die Blätter. Es entstanden die kennzeichnenden weissen Flecken und der Name Mariendistel, so die Legende. Die Heilpflanze wächst rund um das Mittelmeer und in Vorderasien. Aus den purpurroten Blüten entstehen Früchte, die bei Völlegefühl, Blähungen und Flatulenz helfen können. Die Früchte unterstützen auch die Leberfunktion: Der Wirkstoff Silibinin, wirkt wie ein Schutzschild. Er stabilisiert Zellwände und bindet Zellgifte. Bei Leberschäden fördert Silibinin die Regeneration der Zellen und sogar bei Vergiftungen mit dem Knollenblätterpilz kann der die Mariendistel helfen. Die Apotheke bietet Tinkturen, Kapseln oder Tabletten sowie Tee an.
Sie zieht alle Augen auf sich: Die Blüte der Passionsblume hat eine Krone mit kunstvoll angeordneten Staubblättern. Christliche Missionare im 16. Jahrhundert sahen darin die Passion Jesu Christi versinnbildlicht. Die Pflanze stammt aus dem Regenwald von Mittel-, Nord- und Südamerika. Ihr Kraut wirkt beruhigend, angst- und krampflösend. Schon die Azteken nutzten es bei Schlaflosigkeit und Nervosität. Wirksam sind vor allem die Flavonoide: Sie beeinflussen Botenstoffe im Gehirn und die Weiterleitung von Reizen zwischen Nervenzellen. So wird das Nervensystem entlastet und der Schlaf verbessert. Die Heilpflanze gibt es als Tee, Extrakt in Tabletten, Kapseln und Tropfen und als Urtinktur.
Der Name Ginkgo entstand im 17. Jahrhundert durch einen Schreibfehler eines Arztes: Es hätte «Ginkyo» heissen und die Früchte beschreiben sollen. Erkannt wird der Baum aus Ostasien aber eher an seinen fächerähnlichen Blättern. Flavonoide, Ginkgolide und Terpene schützen Nervenzellen vor schädlichen Einflüssen und wirken auf Botenstoffe im Gehirn, die für das Gedächtnis und das Lernen wichtig sind. Sie fördern zudem die Durchblutung. Ginkgo soll bei Denkschwierigkeiten und nachlassendem Gedächtnis im Alter, bei kalten Händen und Füssen sowie bei Tinnitus und Schwindel helfen, sofern die Symptome auf Durchblutungsstörungen zurückzuführen sind. Präparate gibt es als Tabletten, Kapseln und Tropfen.
Schon im Altertum nutzten Menschen Heilpflanzen, wie chinesische Schriftrollen um 3000 v. Chr. belegen. Im Mittelalter empfahl Hildegard von Bingen Kräuter wie Aloe oder Fenchel. In Klostergärten wurden Heilpflanzen wie Baldrian erforscht. Die moderne Heilpflanzenkunde, die Phytotherapie, beginnt Ende des 18. Jahrhunderts. Sie setzt Heilpflanzen nach naturwissenschaftlichen Kriterien ein und ergänzt die Schulmedizin. Verwendet werden ganze Pflanzen, ihre Teile oder Extrakte. Phytopharmaka sind in Apotheken als Tabletten, Kapseln, Tropfen, Tees, Salben und Tinkturen erhältlich.
Autor: Bettina Jakob